Straßenschild richtiger Weg in allen Richtungen

 

Dr. phil. Barbara Cramer ist die Leiterin der KeCK – Koordinierungsstelle für Chancengleichheit & Karriereplanung am Klinikum rechts der Isar und der Fakultät für Medizin der TU München. Außerdem ist sie freiberufliche Trainerin und Coach. Ich besuche sie heute in ihrem Büro von KeCK in der Ismaninger Straße. Ich komme rein und fühle mich, als ob ich gerade jemanden daheim besuchen würde. In einer kleinen, aber gemütlichen Altbauwohnung mit einem Familienzimmer zur Betreuung der Kinder von Klinikmitarbeitenden und drei Büros. Der junge Mann, ihr Assistent, der mich hineingelassen hat, bringt mir ein Glas Wasser und bittet mich, im Korbsessel im Flur Platz zu nehmen. Ich warte keine fünf Minuten, da kommt Frau Dr. Cramer auch schon und bittet mich in ihr Büro, welches die Atmosphäre eines gemütlichen Wohnzimmers hat.

AP: Frau Dr. Cramer, Sie sind eine der 96 Mentorinnen bei MOVE! Wie sind Sie auf MOVE! und die Frauenakademie gestoßen?

BC: 2006 nahm ich an einem Infoabend für Promovierende unter dem Titel „Gemeinsam statt einsam promovieren“ teil, der von der Frauenakademie organisiert wurde. Aus über 20 Teilnehmerinnen haben sich mehrere Kleingruppen gebildet und ich habe mich mit  vier Frauen zusammengetan. Über die ganzen Jahre haben wir uns jeden Monat privat getroffen und uns auf unserem Weg zur Promotion begleitet und unterstützt. Wir haben bis heute Kontakt miteinander!


Weitere Informationen zu MOVE! und Frauenakademie finden Sie hier

AP: Da sieht man, wie wichtig solche Netzwerk-Angebote sind. Man weiß ja nie, was Wertvolles dabei entstehen kann. Was ist Ihre Motivation in Ihrer Mentorinnen-Tätigkeit?

BC: Ich möchte Frauen in ihrer Vielfalt und in ihren Stärken unterstützen. Frauen sind oft viel zu bescheiden, trauen sich zu wenig zu und stellen ihre Fähigkeiten und Talente unter den Scheffel!

AP: Sie sind Leiterin der Koordinierungsstelle für Chancengleichheit & Karriereplanung an der TU München. Wie war Ihr Weg zu dieser Position?

BC: Ich habe keine gerade Karriere gemacht. Ich habe eigentlich Sprachen studiert: Romanistik, nämlich Französische und Spanische Literaturwissenschaft und im Nebenfach Psychologie und Pädagogik. Die ersten zwei Kinder kamen noch während meines Studiums. Noch als Studentin habe ich Verschiedenes ausprobiert: Dolmetscherin, Reiseleitung, in einem Verlag gearbeitet, in der internationalen Entwicklung, Regie-Assistentin beim Film. Nach meinem Magister habe ich in Teilzeit an der Klinik für Psychiatrie in einer internationalen Studie zur Entstehung der Alzheimer Krankheit angefangen, ein Familienforschungsprojekt, was mich sehr interessiert hat. Nachdem das dritte Kind da war, überlegte ich, wie ich mich beruflich aufstellen möchte. Mir gefiel die Arbeit in der Forschung sehr, aber als Literaturwissenschaftlerin mit Nebenfach Psychologie fühlte ich mich nicht gut genug ausgebildet, um mich dort beruflich weiter entwickeln zu können. Und dann kam die Idee – wenn ich darüber nachdenke, ganz schön übermütig – in Psychologie zu promovieren! Ich ging in die Beratung zur Frauenbeauftragten am Psychologischen Institut der LMU, die zufällig auch früher meine Dozentin war. Und sie hat unerwartet sofort zugesagt, dass sie mich promovieren würde! Ich musste zwar noch zwei Jahre Studium nachholen, alles neben Arbeit und Familie, aber später habe ich hier im Projekt zur Biografie-Forschung von Demenzpatienten promoviert. Leider hatte ich nach dem Abschluss der Promotion immer noch nicht das erhoffte Gefühl, qualifizierter zu sein. Ich dachte mir: Jetzt bin ich vierzig, hab einen Doktor und kann eigentlich nix. Ich hatte das Gefühl, ich kann nichts Praktisches, kein Handwerkszeug wie Therapeuten oder Coaches.

So habe ich mich also entschieden, auch noch eine Coaching-Ausbildung zu machen – bei der Coaching-Akademie München-Hamburg – und hatte das große Glück, gleich in den Coaching-Pool der TU aufgenommen zu werden. Ich selbst hatte auch von dem TUM Angebot profitiert und ein Karriere-Coaching bekommen. Dabei ist mir klar geworden, dass ich Frauen bei der Entfaltung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen möchte. Aber wie das konkret aussehen sollte, da hatte ich keine Ahnung! Aus einem Impuls heraus ließ ich mich zur stellvertretenden Frauenbeauftragten an der medizinischen Fakultät der TU wählen. Der damalige TU Präsident startete zu dem Zeitpunkt eine Initiative, mit der er die TU München zur frauenfreundlichsten technischen Universität Deutschlands entwickeln wollte. Die TU machte zentral damals schon viel für Frauen. Nur leider kam wenig von den Initiativen in den einzelnen Fakultäten an. Nun sollte sich das ändern. Die Fakultäten selbst sollten ihre eigenen Maßnahmen entwickeln. Die TU ist ja so vielfältig und somit die Bedürfnisse in den einzelnen Bereichen ganz unterschiedlich: im Maschinenbau sind fast keine Frauen, in der Medizin sind überwiegend Frauen – aber an der Spitze kaum. Somit wurden die Frauenbeauftragten der einzelnen Fakultäten gebeten, Maßnahmen zu entwickeln, die sie brauchten. Am Ende waren wir uns einig, dass diese Maßnahmen nur dann umgesetzt werden, wenn eine Person dahinter ist und schaut, dass sie auch wirklich mit Leben gefüllt werden. Als der Dekan etwas skeptisch fragte, wer denn so was machen solle, sagte ich spontan: „Ja, ich zum Beispiel!“ Tatsächlich fiel mir in diesem Moment ein, dass ich das übernehmen könnte! Die Idee wurde unterstützt und so wurde diese Stelle wirklich (wie) für mich geschaffen! Und es war genau das, was ich mir in meinem Karriere-Coaching gewünscht hatte, als noch nichts dergleichen in Sicht war!

Gemeinsam sind wir stärker!

AP: Das ist eine wahre Wunscherfüllungsgeschichte! Ihr Weg zeigt, es lohnt sich, den Mund aufzumachen und mit den Menschen darüber zu reden, was wir beruflich möchten, was uns noch fehlt, wovon wir träumen. Es ist wichtig zu netzwerken und nach Unterstützung zu suchen. Viele Frauen tendieren dazu, alles selbst schaffen zu wollen und scheuen sich, nach Hilfe zu suchen. Sie haben immer wieder Menschen getroffen, die Ihnen Türen eröffneten, wo Sie nicht wussten, dass es welche geben kann. Aber Sie haben diese Menschen aktiv aufgesucht und haben nicht gewartet, bis die Chance zu Ihnen kommt.

BC: Wissen Sie, Simone de Beauvoir sagte einst: „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen…: nichts.“ Ich denke wirklich oft an diesen Satz.

AP: Sie scheinen auch sehr glücklich mit Ihrem Job zu sein

BC: Ja! Das bin ich! Zu 120%! Meine Arbeit ist nicht einfach. Aber erfüllend. Ich versuche mit meinem Team, das inzwischen aus mehr als zehn Mitarbeitenden besteht – alle auch sehr engagiert und mit Herzblut bei dem Thema – es als Wert in die Uni und die Klinik hinein zu vermitteln, dass es wichtig ist, dass wir uns als Menschen begleiten und nicht nur als Mitarbeitende. Wir geben ja nicht unsere Persönlichkeit an der Garderobe ab, wenn wir in die Arbeit kommen und umgekehrt auch nicht: wir sagen ja nicht, wenn ich daheim bin, interessiert mich nichts mehr, was in der Arbeit gewesen ist. Ich möchte für die Durchlässigkeit von Familie und Beruf sorgen. Oft hat man den Eindruck, dass man die Kinder regelrecht verstecken müsste, da sie einen sonst auf dem Karriereweg behindern und schwach machen. Das finde ich traurig. Das versuche ich mit meiner Arbeit zu ändern. Unsere Familien gehören zu uns. Wir müssen Bedingungen schaffen, die es erlauben Familie UND einen erfüllenden Job zu haben.

Und dann ist da natürlich noch der Aspekt des Erfolgs:

Es ist eine tolle Bestätigung und Erfüllung, mich selbst als Expertin auf meinem Gebiet zu erleben. Dadurch, dass ich immer Teilzeit gearbeitet habe, hat es lange gedauert, bis mir klar geworden ist, was ich alles kann. Ich hatte, als die Kinder noch klein waren, die Chance, in Vollzeit bei einer Unternehmensberatung anzufangen, da hätte ich sicherlich schneller Vertrauen in meine Fähigkeiten erlangt. Aber das kam für mich nie in Frage, für mich war klar, dass meine Familie, mein Partner und unsere Kinder an erster Stelle stehen.

Ich finde, ich habe bewiesen, dass es ein Nacheinander geben darf. Ich glaube, wenn das generell möglich wäre, das würde viele Frauen entlasten. Als junge Mutter war ich noch leistungsfähiger, im Studium hatte ich noch mehr Flexibilität, also nicht so einen Leistungsdruck im Sinne, wenn ich den Schein nicht schaffe, dann kommt ein Karriereknick. Ich fand meinen Weg – erst Familie, dann Karriere – für mich sinnvoller, als nach dem Studium Vollgas im Beruf zu geben und dann nicht zu wissen, ob man mit Mitte/Ende 30 noch Kinder bekommen kann. Natürlich hat das mein Mann auch sehr unterstützt. Er war immer sehr aktiv in die alltägliche Erziehung involviert und jetzt, da unsere drei Töchter erwachsen und außer Haus sind, haben wir noch ein gemeinsames Unternehmen gegründet „Cramer & Cramer“. Wir halten gemeinsam Vorträge und Workshops zu den Themen, die uns am Herzen liegen wie z.B. die eigenen Wünsche und Ziele gesund und mit Freude zu verwirklichen.

AP: Was würden Sie im Leben gerne noch erschaffen?

BC: Ich möchte einführen, dass Führungspositionen als Doppelspitzen ausgeschrieben werden. Ich glaube, damit könnte man den Karriereweg für die Frauen attraktiv machen, die sagen: ich kann nicht 60 Stunden die Woche arbeiten, ich will auch für meine Familie da sein. Aber auch für viele ohne Kinder ist das heutzutage wichtig: die Allzeitverfügbarkeit wird immer weniger akzeptiert. Was uns aktuell hilft ist, dass an den Spitzen der Nachwuchs wegbricht. 2/3 der Studierenden sind Frauen. Von denen machen aber nur wenige Karriere. Es gibt inzwischen nicht mehr genügend Männer, die das kompensieren können. Für uns Frauen ist das eine gute Entwicklung. Sie macht sichtbar, dass sich etwas ändern MUSS. Es muss möglich sein, dass eine Frau schwanger wird, ohne Angst zu haben „das ihrem Chef anzutun“. Die Chance für die Männer ist dabei, dass sie sich mehr an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen können und mehr von ihrer Familie haben. Es ist ein langsamer Prozess und damit alle mitkommen können, muss er auch langsam vonstatten gehen.

AP: Sie sind so ein positiver Mensch!

BC: Ich habe in meiner Coaching Ausbildung gelernt, den Fokus aufs Positive zu legen. Seitdem arbeite ich wirklich fast täglich daran, meine Worte so zu nutzen, dass sie positiv sind. Zum Beispiel wenn ich sage: „Ich möchte Sie gar nicht lange stören“ – was hört man dann? „Lange“ und „stören“. Das erzeugt keine angenehmen Bilder und infolge keine angenehmen Gefühle. Stattdessen ist es viel schöner zu sagen: „Darf ich Ihnen kurz etwas Wichtiges sagen?“ So eine Sprache tut einem selbst gut und der Umgebung ebenfalls.

Wir können darüber reden, was alles schlecht läuft, oder aber wir sprechen darüber, was man verbessern und verändern könnte. Es macht einen großen Unterschied.

Seit ich so intensiv auf meine Sprache achte, passiert mir noch viel mehr Positives im Leben! Manchmal kann ich kaum glauben, welche Sachen sich so einfach und überraschend positiv entwickeln. Und wenn mir etwas nicht so Gutes passiert, dann frage ich mich, ist es das wert, es jemanden zu erzählen? Weil ich es dann doch noch mal erlebe. Will ich etwas Unschönes noch mal erleben? Lieber konzentriere ich mich auf etwas anderes.

AP: Das stimmt. Man erlebt es tatsächlich noch mal, aber bekommt dadurch nicht die Erleichterung, die man sich wünschen würde.

BC: So ist es. Anstatt sich etwas von der Seele zu reden, „be-schweren“ wir uns. Es wird auf diese Art also oft noch schwerer.

AP: Würden Sie sagen, dass dadurch, dass Sie verstärkt seit Jahren darauf achten, die Sprache positiv zu nutzen, sich Ihr Denken auch dahingehend verändert hat? Auch das Denken über sich selbst?

BC: Ja! Auf jeden Fall!

AP: Ich frage mich, ob wir Frauen uns zu sehr negativ zureden, in Gedanken, und uns das dann häufig in der Entwicklung, in der Karriere ausbremst?

BC: Oh ja! Durch die Worte erzeugen wir ja sofort Bilder im Kopf. Ich kann sie nicht NICHT erzeugen. Wenn ich das Wort „Stress“ in den Mund oder in Gedanken nehme, dann entsteht sofort „Stress“ in meinem Kopf und in meinem Körper auch. Will ich das? Also sollte ich mir überlegen, welche Worte ich benutze. Wenn ich an mir zweifle, mir Dinge nicht zutraue, ein schlechtes Gewissen habe, erzeuge ich ebenfalls Bilder. Bilder, die verunsichernd wirken, die auf die Mängel fokussieren. Deswegen arbeite ich in meinen Coachings und Mentorings gerne mit dem Züricher Ressourcen Modell®. Mit dieser Methode wird der Blick des Menschen gleich auf die Ressourcen gelenkt. Durch wiederholte Konzentration auf das, was ich schon kann, was ich bisher gemeistert habe und was mir gut tut, werden neue neuronale Verbindungen geschaffen und lassen das alte Negative mit der Zeit verschwinden und das Lerngedächtnis von „ich bin ja so schlecht, ich kann das nicht“ auf „ich bin voll in meiner Kraft, das ist das, was mir gut tut, was ich kann und was ich umsetze“ verschieben. Das ist unglaublich aufbauend! Es hilft auch immer wieder – egal wie die Situation war – zu überlegen, was gut war. Was habe ich gut gemacht? Was ist gut gelaufen? Was wir nicht so gut gemacht haben, wissen wir eh meist schon detailliert genug.

Mach das wofür Dein Herz schlägt!

AP: Was würden Sie gerne Frauen in Bezug auf ihre berufliche Entwicklung sagen?

BC: Folgt immer Eurem Herzen, Eurer Intuition! Egal, was Ihr macht, es ist wichtig, dass es Euch Spaß macht und Ihr es aus vollem Herzen macht. Und Ihr werdet früher oder später sehen, alles, was Ihr im Leben macht und gemacht habt, hat einen Sinn!

Ich habe Verschiedenes in meinem Leben gemacht. Manchmal habe ich mich auch gefragt: was hat das eine mit dem anderen zu tun? Jetzt weiß ich es, denn bei KeCK und als Coach und Trainerin kann ich ALLES anwenden, was ich bisher in meinem Leben gelernt habe. Zum Beispiel habe ich, als die drei Kinder da waren, eine Hauswirtschaftsausbildung gemacht. Eigentlich nur, um mit meiner Rolle als Hausfrau besser klar zu kommen. Dieses Wissen ist in meinem aktuellen Job oft Gold wert! Oder meine Zeit als Vorstand einer Eltern-Kind-Initiative. In den 5 Jahren habe ich sowohl Führungserfahrungen gesammelt, wie auch Verhandlungsführung, Personalverantwortung, Umgang mit Behörden etc. gelernt. Mein Herz hat für all das, was ich gemacht habe, voll geschlagen. Und in meinem aktuellen Job sind all diese Kenntnisse super wertvoll!

Deswegen: Macht immer das, was sich bietet, aber auch wo Ihr selbst das Gefühl habt, Euer Herz schlägt dafür. Die Intuition ist eine gute Ratgeberin. Ihr zu folgen macht mehr Sinn, als ohne Freude einen Job zu machen, nur weil er gut bezahlt wird oder etwas zu studieren, wo man denkt, es wird in fünf Jahren viele Stellen geben. Man kann nie wissen, was in fünf Jahren ist, kann sein, dass die Welt sich komplett dreht und dann steht man da mit etwas, was man nicht mag und ohne Perspektiven.

Und probiert Dinge aus. Durch theoretische Erwägungen kann man schlecht herausfinden, ob einem etwas liegt, oder nicht.

AP: Frau Cramer, ich bedanke mich für diesen unglaublich spannenden Einblick in Ihr Leben und Ihre Gedanken!


Dr Barbara Cramer

Frau Dr. phil. Barbara Cramer ist Psychologin, Trainerin & Coach und Leiterin der KeCK am Klinikum rechts der Isar und an der Fakultät für Medizin der TU München. Die KeCK – Koordinierungsstelle für Chancengleichheit und Karriereplanung unterstützt Mitarbeitende und Studierende tatkräftig, eine erfolgreiche Karriere und ein erfülltes Familienleben miteinander zu vereinbaren. KeCK setzt sich mit einem umfangreichen Angebot wie Beratung, Coaching, Mentoring, Vernetzungsveranstaltungen, Talentsichtung und Forschungsförderung für die Belange der Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen am Klinikum rechts der Isar sowie an der Fakultät für Medizin ein. Zur KeCK gehört das KeCK Mentoring & Training Programm und der KeCK Familienservice.


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Interview-Reihe 12 Monate – 12 Mentorinnen.

Möchten Sie automatisch benachrichtigt werden, wenn ein neuer Artikel erscheint?