Tasse Kaffee Notitzbuch

Ein Treffen auf dem halben Weg zwischen ihrem und meinem Wohnort fand ich genial. Linda Lehmann schlug das Konditorei-Café Weißenbeck in Dachau vor, über das ich schon viel Gutes schon gehört habe , obwohl ich noch nie selbst dort war! Ein interessantes Gespräch und ein toller Kuchen: eine wunderbare Kombi. Von meinem Platz am Fenster sehe ich den Eingangsbereich und die Parkbuchten. Als das unbekannte weiße Auto vorfährt, spüre ich lustigerweise sofort: dass muss sie sein. Die Frau, die aus dem Auto steigt, sieht mich durch die Fensterscheibe und winkt mir lächelnd zu. Mit energischen Schritten kommt sie eine halbe Minute später an den Tisch. Jetzt erkenne ich auch die Frau, die ich doch schon mal im Dezember beim Mentorinnen Frühstück von MOVE! getroffen habe! Wir sind sofort beim unkomplizierten Du.

Linda Lehmann

Linda Lehmann ist als selbstständige Beraterin mit ‚Management Support‘ seit über 20 Jahren tätig. Projektmanagement, Organisationsentwicklung und Führungskräfte Coach, ausschließlich auf Empfehlung und Mund-zu-Mund-Propaganda. 

Arleta Perchthaler: Linda, Du engagierst Dich schon länger als Mentorin bei MOVE!, nicht wahr?

Linda Lehmann: Ich habe im Sommer 2013 angefangen. In den 7 Jahren begleitete ich ca. 20 Frauen. Es waren Mentoren-Gespräche dabei aber auch sogenannte Experten-Gespräche.

AP: Was machst Du beruflich?

LL: Als Angestellte bin ich seit 1,5 Jahren in Ruhestand, in meiner Nebenbeschäftigung als Beraterin und Führungskräfte-Coach aktiv. Ich bin Wirtschaftsingenieurin und habe 34 Jahre im Management bei BMW gearbeitet. Das klingt nach einem recht geraden Arbeitsweg, was aber nicht so war. Zuerst fing ich in der EDV (heute IT) an, dann war ich in der Logistik. Später merkte ich, dass ich ganz gut mit Menschen kann und habe mich zuerst in Richtung Projektmanagement und schließlich Kommunikation und Change Management entwickelt. Zwar innerhalb einer Firma, aber sie ist glücklicherweise groß genug dafür. Zuletzt war ich für den Bereich Change Management in Landshut verantwortlich. Ich war einerseits selbst als Beraterin, Sparring Partner für Führungskräfte-Entwicklung und als Trainerin tätig, auf der anderen Seite habe ich auch externe Dienstleister für diese Themen eingekauft.

Change Management war zu meiner Zeit ein neues Thema. Wohl deshalb hat man mich organisatorisch dem Personalmanagement zugeordnet. Für meine Kollegen im Personalmanagement war ich immer der Exot aber da ich zu diesem Zeitpunkt schon Senior war, haben sie das einfach hingenommen.

Auf jeden Fall beinhaltet mein Berufsweg einige Wendungen.

Der berufliche Weg bei Frauen ist fast immer Mäander-artig.

Wenn ich an die Lebensläufe der Menschen denke, die ich in meiner Karriere gesehen habe oder auch die von meinen Mentees, dann ist das bei Frauen fast immer so Mäander-artig. Da ist selten eine gerade Linie.

Bei Männern ist es in der Regel anders: Maschinenbau, Spezialisierung und vielleicht gerade mal ein Einstieg in einen Seitenast davon. Punkt. Da ist keine Familienpause, selten ein Umstieg in eine komplett andere Tätigkeit, vielleicht ein freiwilliges Soziales Jahr, Wehrdienst oder ein Auslandsaufenthalt am Anfang des Weges.

AP: Würdest Du sagen, Männer wissen eher was sie wollen, in welche Richtung sie gehen wollen oder dass sie die ein mal eingeschlagene Berufsrichtung weniger hinterfragen?

LL: Ich glaube, da gibt es mehrere Faktoren. Ein Punkt ist z.B. der Einfluss der Gesellschaft auf die gelebten Interessen der Frauen. Auch im 21. Jahrhundert werden wir von Stereotypen geleitet, welche die wahren Interessen der Kinder – aber hauptsächlich von Mädchen – beeinflussen oder sogar missachten. Ich beobachte gerade interessante Situationen bei den Enkelkindern meines Mannes. Ein Mädchen ist 7, interessiert sich wahnsinnig fürs Rechnen. Die Familie unterstützt das natürlich. Ihre Eltern und wir lassen sie Aufgaben lösen und rechnen, weil es ihr Spaß macht. Dann kommt das Mädchen eines Tages aus der Schule heim und sagt: „Mama, warum rechnen wir so viel? Die anderen Mädchen erzählen mir, dass Rechnen Mädchen keinen Spaß macht“. Gott sei Dank ist unsere Familie frei von dieser Art zu denken. Somit hat das Mädchen eine Chance ihren wahren Interessen nachzugehen und sich zukünftig hoffentlich den langen Weg der Suche nach einem erfüllenden Job ein Stück weit zu sparen.

Ein anderes Beispiel: als die Kleine vor 7 Jahren auf die Welt kam, wollte ich ihr irgendwann ein Sommerkleid kaufen. Für Mädchen in dem Alter gab es überall fast nur rosa Sachen! Ich fand dann schließlich ein blaues. Allerdings wurde ihre Mutter darauf angesprochen, warum die Kleine ein blaues Kleid trägt!

AP: Nein! Das ist unfassbar, dass so etwas in unserer Zeit noch vorkommt!

LL: Ich habe gestern die Sendung Scobel „Magie der Mathematik“ gesehen. Da meinte eine Mathelehrerin:

„Es gibt keinen Unterschied zwischen den Prädispositionen für Fächer zwischen Männern und Frauen, aber dafür im Selbstvertrauen. (…) Wenn ein Mädchen sagt, Mathe ist mein Lieblingsfach, dann kommt höchstens ein überraschtes „Oh, wirklich?“ Und das reicht schon, um Mädchen zu verunsichern und in dieser Rolle, dass Mädchen keine Mathe können, zu bestärken. Dadurch werden sie unsicherer und zeigen sich im Unterricht teilweise weniger selbstbewusst. Wenn man das weiter spinnt, entscheidet sich vielleicht so eine junge Frau für Sprachen, obwohl sie viel lieber Mathe vertiefen würde. Sie fängt einen Job an, der sie nicht erfüllt und irgendwann geht die Suche nach dem „richtigen“ los. Und die Mäander fangen an.

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – OEZD – befragte 2015 Mädchen und Jungen zum Thema Selbsteinschätzung und stellte fest, Jungen geben an, dass sie mathematische Aufgaben schnell begreifen, dagegen treffen die Mädchen eher die Aussage „Ich bin einfach nicht gut in Mathe“. Selbst wenn sie im Pisa Test genauso gut abschneiden, wie ihre männlichen Schulkameraden.

Die OEZD sagt darüberhinaus: Eltern ermuntern 40 % der Jungs zu einem naturwissenschaftlichen Beruf, aber nur 15% der Mädchen

Scobel – Die Magie der Mathematik, 23.01.2020

AP: Jetzt wo wir darüber reden, wird mir bewusst, wie konditioniert wir alle sind. Teilweise ohne es zu merken. Meine ältere Nichte hat beispielsweise nie mit Puppen gespielt. Sie hatte kein Interesse daran. Sie fand stattdessen den gelben großen Kran, den wir ihr zur Weihnachten geschenkt haben, viel cooler. Ich habe immer ihre Interessen respektiert und ihr Sachen geschenkt, die diesen entsprachen. Trotzdem fällt mir gerade auf, dass der Fakt, dass ich immer wieder mit einer gewissen Verwunderung über ihr mangelndes Interesse an Puppen spreche, zeigt, wie traditionell konditioniert ich selbst in der Hinsicht bin. Wenn ich keinen Unterschied zwischen Mädchen und Jungs machen würde, dann würde das bei mir genauso viel Aufsehen verursachen, wie dass der eine Mensch lieber Äpfel mag und der andere Birnen.

LL: Ja genau. Da merkt man selbst, dass man als an sich aufgeschlossener Mensch trotzdem Vorurteile hat. Weil man nicht sagt: Lothar spielt gerne mit Puppen und Sabine mit Kran. Punkt. Kommentarlos.

Die Kölner Professorin für kognitive Mathematik Inge Schwank erforscht, wie Kinder mathematische Aufgaben lösen. Sie meint, in der Schule gibt es keine Unterschiede in Mathe. Dafür aber, was Sprachen anbetrifft – da sind Mädchen im Durchschnitt einfach besser. Daraus ergäbe sich bei den Jungs die Denke, „ich bin eher der mathematische Typ, wenn ich mit Sprachen nicht so kann“.

scobel – Die Magie der Mathematik, 23.01.2020

LL: Aber Diversity hat viele Facetten – Geschlecht ist ja nur eine davon. Behinderung ist eine weitere. Einmal hatten wir bei BMW einen Vortrag von Professor Bertolt Meyer – Spezialisten für Diversität und Stereotype an der TU Chemnitz. Ihm selbst fehlt seit Geburt ein Unterarm. Er besitzt eine hochmoderne myoelektrische Handprothese und geht mit seiner Behinderung sehr locker und humorvoll um. In seinem Vortrag hat er erzählt, seine Behinderung sei ein Vorteil, weil er mit seinem Arm eine Schraube reindrehen kann, was die gesunden Menschen nicht können. Ich war damals Moderatorin seines Vortrags. Ich fragte ihn, was er dazu meint, wie das so ist, wenn man sozusagen doppelt divers ist: 1) eine Frau und 2) alt. Seine Antwort: „doppelt schlecht“. Und genauso ist es. Weil Du dann mit doppelt so vielen Stereotypen zu kämpfen hast. Aktuell erlebe ich es z.B., dass ich angesprochen werde: „Aber Du arbeitest doch jetzt nicht mehr, dann könntest Du Dich entspannen und nichts mehr tun und dafür mehr mit deinen Enkeln spielen“. Warum sollte ich das?! Das ist doch nie mein Ding gewesen! Warum wird das von mir erwartet?!

AP: Glaubst Du, wir haben als Gesellschaft eine Chance in Sachen Geschlechtergleichstellung eine Veränderung zu erreichen?

LL: Ja, aber sicher nicht zu meinen Lebzeiten. Wobei ich nicht den Eindruck habe, dass der Zug gerade in die Richtung fährt. Wenn ich an die Mentees von MOVE! denke, dann wundere ich mich, wie geduldig die Frauen oft sind. Zum Teil sind das Frauen, die zwar aktuell einen Job haben, aber total unglücklich sind. Und wenn sie erzählen, dass sie teilweise schon seit 5 Jahren unzufrieden sind, dann finde ich das unglaublich, dass sie so lange darin ausharren! Es hat sich im Rechtlichen viel geändert im Laufe der Jahrzehnte. Aber in unseren Köpfen noch viel zu wenig. Der ganze Prozess ist sehr langsam. Die Zahlen sagen da die ganze Wahrheit. Bei den DAX-Konzernen haben wir eine Doppelspitze, wo eine Frau dabei ist: bei SAP. Sonst keine weitere! Ich bin seit einem Jahr Mitglied bei FidAR– Frauen in die Aufsichtsräte – womit das Ziel des Vereins gleich klar wird. Laut den Monitorings des Vereins können wir von einer Gleichstellung bei der bisherigen Entwicklung in 99 Jahren ausgehen.

AP: Okay, dann werden WIR es nicht mehr erleben…. Was glaubst Du, wie man diese Prozesse beschleunigen könnte?

LL: Ich denke oft darüber nach… Solidarität untereinander ist ein ganz wichtiger Faktor. Sie müsste stärker werden, aber geht unter Umständen im Alltag unter. Besonders wenn man vielleicht in der Rush-hour des Lebens ist… Ich kenne es von mir selbst… Ich habe mir lange keinen Gedanken um Emanzipation von anderen gemacht, weil ich selbst genug zu tun hatte. Deswegen habe ich mich irgendwann für das ehrenamtliche Engagement entschieden. Denn ich habe mich schon als privilegiert erlebt: ich war nie arbeitslos, hatte keinen steilen aber doch einen ordentlichen Karriereweg zurückgelegt und weiß, dass es vielen Frauen ganz anders geht. Irgendwann kam der Gedanke, da etwas zurück zu geben. Aber zurück zum Thema Vorurteile: Es gab ja direkt nach dem Krieg Straßenbahn-Fahrerinnen, Frauen die Häuser gebaut hatten…

AP: Weil sie keine andere Wahl hatten…

LL: Genau! Weil die Männer im Krieg gefallen oder noch nicht zurückkehrt waren. Und dann kamen die Männer wieder. Und dann sind die Frauen wieder verdrängt worden. Und ich behaupte, da gehören immer zwei dazu: einer der verdrängt und einer der sich verdrängen lässt. Und ich beobachte, dass Frauen nach wie vor sich in die traditionellen Rollen pressen lassen, egal ob das ihren innersten Wünschen entspricht oder nicht. Häufig wird ein Kind zu einer Alternative, wenn es mit der Karriere nicht so klappt… Die, die sich dafür entscheiden, wollen sicherlich früher oder später Kinder haben, aber oft fällt die Entscheidung für ein Kind in dem Moment, wenn sie beruflich am „glass ceiling” anstoßen.

AP: Glaubst Du die Frauen geben schneller auf, als Männer?

LL: Das weiß ich nicht. Ich denke, ein Punkt ist, dass wir Frauen überhaupt diese Alternative haben, schwanger zu werden, statt Karriere zu machen. Männer können erstens physisch nicht schwanger werden und bei denen tickt in diesem Sinne auch keine biologische Uhr. Aber wegen allem, was wir heute gesagt haben, braucht es solche Institutionen wie MOVE! Damit die Frauen auf ihren Wegen eine Unterstützung bekommen.

AP: Was würdest Du Frauen raten, die beides haben wollen, sowohl Familie als auch beruflich vorankommen?

LL: Da ich selbst keine Kinder habe, kann ich aus meiner eigenen Erfahrung keinen Tipp geben. Aber ich kann von meiner ehemaligen Chefin berichten, die mal gesagt hat: mein Mann und ich waren uns von vornherein einig, dass wir BEIDE Kinder wollen. Also war für mich dann auch klar, dass wir uns BEIDE an der Kindererziehung beteiligen müssen und nicht alles an mir hängen bleibt. Wie auch immer man das löst: ob durch die Pflichten-Teilung oder genug Geld und damit finanzierte Fremdhilfe, wie Tagesmutter, Putzhilfe etc. Ich denke, dass muss einfach verbindlich durchdekliniert werden. Es kommt immer darauf an, was der Einzelnen wichtig ist und welche Konsequenzen man bereit ist zu tragen. Es ist keine Vereinbarkeit von Familie und Beruf, wenn alle Familienthemen an der Frau hängen.

Es ist immer noch so, wenn ein Vater mit seinem Kind auf dem Spielplatz erscheint oder sein Kind vom Kindergarten abholt, dann wird er von anderen Frauen gelobt, wie toll er sich um sein Kind kümmert. Eine Frau wird dafür gelobt. Das ist selbstverständlich.

AP: Ein ganz schwieriges Thema in diesem Kontext ist immer wieder die Rückkehr in den Job nach der Kind-Pause.

LL: Ja, genau. Eine längere Kinderpause wirft eine Frau beruflich meist ein paar Schritte zurück. Das müssen sich die Frauen einfach bewusst machen. Unsere Zeiten sind sehr schnelllebig, mehr als in den vergangenen Generationen. Wenn ich heute für ein Thema Spezialistin bin, werde ich nach 5 Jahren Erziehungsurlaub unter Umständen keine mehr sein. Das heißt nicht, dass der Wiedereinstieg in den Beruf nicht mehr möglich ist. Aber ich muss damit rechnen, dass ich vielleicht erstmal mit einer schlechteren Position, einem geringeren Lohn einsteigen und mich wieder hocharbeiten muss. Ganz pragmatisch.

AP: Gibt es etwas, was Du Frauen in der Umorientierungsphase ans Herz legen möchtest?

LL: Habt Mut! Hört nicht auf die anderen, sondern auf das eigene Bauchgefühl! In meinen letzten Mentorings hatte ich Frauen begleitet, die krank waren. Sie alle haben gesagt, dass es Anzeichen gab, dass sie psychisch und physisch an ihre Grenzen kommen. Wenn ein Mensch das Gefühl hat, dass das, was sie/er macht nicht das Richtige ist, oder wenn sich die Frage stellt, OB es das Richtige ist, dann sind Coachings oder Mentoring bei MOVE! gut investiertes Geld, um diese Fragen zu stellen. Es ist es nicht wert, so lange zu warten, bis man die eigene Gesundheit ruiniert. Man sollte sich ehrlich die Frage stellen: sitze ich in dem Hamsterrad, weil ich dahin gehöre, oder weil mich da jemand hineingesetzt hat. Und habt keine Angst vor den Konsequenzen! Was sagen die Nachbarn, Familie etc… Sie werden das Leben nicht für Euch leben

AP: Liebe Linda, ich danke Dir für das unterhaltsame Gespräch!


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Interview-Reihe 12 Monate – 12 Mentorinnen.