12 Monate – 12 Mentorinnen: mit Annett Babel über straffällige Menschen, berufliche Wendungen und (Selbst)verantwortung.

Strassenpflaster mit Pfütze

Heute habe ich einen Termin in der Dienststelle des Landgerichts München. Das Haus liegt im schönen Schwabing, ein paar Schritte vom Nordbad entfernt. Ich treffe dort die Bewährungshelferin Annett Babel. Ich bin neugierig auf das Gespräch. Den Begriff Bewährungshelfer kennen die meisten, aber wer kennt einen persönlich oder weiß im Detail, wie der Arbeitsalltag in diesem Beruf aussieht? Als ich in der Elisabethstraße 79 ankomme, bin ich schon mal das erste Mal überrascht. Ich stehe vor einem Altbaugebäude, an dessen Fassade  und Eingang nichts darauf hindeutet, dass man hier mit straffälligen Menschen zu tun hat. Also Ihr wisst was ich meine: keine Gitter, Sicherheits-Checks etc. Nachdem ich den Eingangsbereich betrete, bin ich zum zweiten Mal überrascht: Das könnte auch das Büro eines Startup Unternehmens sein: hell, gemütlich, es riecht noch nach Essen von der Mittagspause. Annette kommt mir entgegen und führt mich in ihr Büro, wo ich endlich meine Neugierde stillen darf.

Annett Babel Portrait

Annett Babel ist hauptamtliche Bewährungshelferin am Landgericht München Bezirk 1 und Koordinatorin für die ehrenamtliche Bewährungshilfe am Oberlandesgericht München. Sie unterrichtet an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern, Fachbereich Rechtspflege in Starnberg und ist nebenbei externe Supervisorin und Mentorin bei MOVE!

Arleta Perchthaler: Annett, wie würdest Du beschreiben, was Du genau beruflich machst?

Annett Babel: Ich begleite, unterstütze und kontrolliere straffällige Menschen, bei denen die Sozialprognose nicht so günstig ist. Menschen, die zu Strafen verurteilt worden sind. Eine Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren kann zur Bewährung ausgesetzt werden. Ob ein Verurteilter auf Bewährung einen Bewährungshelfer zugeteilt bekommt, hängt wie gesagt von der Sozialprognose ab. Die klassischen Situationen, wo das der Fall ist, sind z.B. Personen, bei denen eine Suchproblematik vorliegt, eine hohe Verschuldung oder eine Straffälligkeit, die sich schon seit der Jugend durchzieht. Oder auch Menschen, die nach zwei Dritteln der Strafe aus der Haft kommen. Ein Drittel wird ihnen zur Bewährung ausgesetzt und sie bekommen zusätzlich einen Bewährungshelfer. Das sind dann eben die Menschen, mit denen ich arbeite. Einen Bewährungshelfer kann man auch als Unterstützungspartner bezeichnen. Die Menschen, die wir betreuen, heißen Probanden – vom lateinischen Wort „probare“ – sich bewähren“.

Mein Arbeitsauftrag richtet sich erstens nach dem gesetzlichen Auftrag, zweitens nach dem richterlichen Beschluss. Der Beschluss legt fest, dass der Proband den Kontakt zum Bewährungshelfer zu halten und uns jeden Wohnungswechsel mitzuteilen hat, dann vielleicht so Sondergeschichten – gerade bei einer Suchterkrankung – dass er eine Therapie machen muss. Manchmal wird darin eine gemeinnützige Arbeit angeordnet – gerade wenn Tagesstruktur fehlt, im Fall der Arbeitslosigkeit. Arbeit und Struktur sind etwas Zentrales im Leben. Wenn sie nicht gegeben sind, ist oft die Gefahr, dass der Proband versucht, andere Quellen der Geldbeschaffung zu finden.  Das sind also die Beispielthemen, die ich kontrolliere. Die richterlichen Anordnungen gehe ich in jedem Gespräch durch. Ansonsten kann der Proband mit mir über alles reden, aber er selbst entscheidet, ob er das will.

Es kommt vor, dass der Proband sagt: „Mei, Frau Babbel, es passt alles. Ich brauche eigentlich sonst niemanden“. Dann sage ich: „Wunderbar“. Und dann gibt es andere, die anfangen, über alle möglichen Aspekte ihres Lebens zu erzählen. Die hohe Kunst in meiner Arbeit ist, die Beziehung zu den Leuten aufzubauen. Denn im ersten Moment besteht sie aus widersprüchlichen Aufgaben: Helfen, begleiten und betreuen auf der einen Seite, kontrollieren auf der anderen. Das geht nur über Arbeit am Menschen, Arbeit mit dem Menschen, feinfühlig Wege finden, eine tragfähige Beziehung herzustellen.

AP: Kurz gesagt musst Du es hinbekommen, dass die Probanden Dir vertrauen.

Wer trägt die Verantwortung?

AB: Genau. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass der Proband die Verantwortung für seine ganzen Schritte trägt – ich kann ihn unterstützen, aber er muss sie alleine gehen. Beispielthema „abstinent leben“. Manchmal sitzen wir hier ewig und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, wie der Proband es schafft, stabil zu sein, nichts mehr zu konsumieren. Aber schließlich geht er hier raus und da endet meine Kontrolle. Ich begleite manchmal Wege, die nicht so erfolgreich sind. Die dann vielleicht irgendwann in einer möglichen neuen Verurteilung münden, einer neuen Haftstraffe. An dieser Stelle muss ich den Erfolg meiner Arbeit für mich neu definieren.

AP: Ich stelle es mir als eine große Herausforderung, sich da so zu distanzieren, zu sagen, die Verantwortung trägt der Proband, und die eigene Arbeit nicht abzuwerten, nur weil der Mensch wieder verurteilt wurde.

AB: Das ist fast ein lebenslanger beruflicher Lernprozess. Einerseits will ich empathisch und nah sein, dem Probanden zeigen, dass ich mich mit ihm freue, etwas begrüße oder unterstütze oder auch mal grantig oder verärgert bin. Andererseits aber ihn trotzdem immer wieder lassen. Mir immer wieder bewusst machen, dass ich den Menschen nicht retten, nicht aus seinem Sumpf herausziehen kann. Es gibt Lebensschicksale und Probanden, die ich jahrelang begleite, die mir natürlich sehr nah werden, wo ich manchmal auch am Wochenende am Überlegen bin, wie ich sie unterstützen kann. In diesem ganzen Kontext muss ich immer wieder schauen, wie ich eine gesunde Mischung aus Nähe und innerer Distanz aufrechterhalte.

Eine besondere Herausforderung bilden die sogenannten Hochrisiko Fälle – Stichwort Sexualstraftäter oder schwere Kapitalverbrechen. Hier hat man zusätzlich mit einem hohen gesellschaftlichen Druck zu tun, dazu beizutragen, dass es zu keiner Wiederholung kommt.

AP: Wie bist Du zu diesem unglaublich herausfordernden und nicht alltäglichen Job gekommen?

Vom Kindergarten zum Gefängnis

AB: Zuerst machte ich eine Ausbildung als Erzieherin und arbeitete einige Jahre im Kindergarten. Die Arbeit erfüllte mich sehr. Jedoch bin ich ein Mensch, der sich gerne weiterentwickelt. Im Kindergarten sah ich meine Möglichkeiten als sehr eingeschränkt. Mit meinem Fachabitur konnte ich entweder Religionspädagogik oder Soziale Arbeit studieren. Ich entscheid mich für das Zweite. Schon während des Studiums hatte ich die Idee, etwas ganz anderes als bisher zu machen. Also eher mal weg von diesem „behüteten“, „guten“, von Waldorf Pädagogik, heile Welt der Kindheit und so. Der ganze Bereich Resozialisierung im Studienprogramm kam mir sehr gelegen. Gefängnisse – das war das totale Kontrastprogramm zum Kindergarten, dadurch hatte es einen gewissen Reiz. Ich machte ein Praktikum im Gefängnis im Niederschönenfeld. Das erste Mal den Gefangen zu begegnen, zu erleben, wie komme ich da als Frau an, wie finde ich den Zugang zu diesen Menschen – das war sehr spannend. Mein Jahrespraktikum absolvierte ich hier an der Dienststelle, also im Bewährungshilfe Umfeld.

Bewährungshilfe ist kein Arbeitsfeld, welches in der breiten Masse bekannt ist. Wir sind eher verdeckt im Hintergrund, sind nicht gerne in der Öffentlichkeit wie Fernsehen oder Zeitung. Selten kommt es vor, dass jemand interviewt wird. Der Beruf war mir vor dem Studium also auch nicht bewusst präsent.

„Meine Entscheidung hatte ganz viel mit Figuren hier im Haus zu tun“

Meine damalige Anleiterin, die immer noch hier arbeitet, war eine blinde Bewährungshelferin. Durch das fehlende Sehvermögen hatte sie andere tolle Fähigkeiten. Davon konnte ich sehr profitieren. Das war eine unglaublich schöne Zeit für mich. Ich wurde stark gefordert und konnte ganz viel ausprobieren. Ziemlich schnell wurde mir klar, dass ich Bewährungshelferin werden will.

AP: Heißt das, dass das Vorbild Deiner Anleiterin für Deine Berufswahl entscheidend war?

AB: Ja! Meine Entscheidung hatte ganz viel mit Figuren hier im Haus zu tun. Bewährungshilfe entstand nach dem Krieg. Einer der Gründerväter hier in München war der vor 2 Jahren verstorbene Eduard. Die ersten Bewährungshelfer waren sehr geerdete Menschen, gestandene Leute, die eine Haltung zu den Dingen hatten und sich ganz stark mit ihrem Beruf identifizierten. Das waren Persönlichkeiten!  Von dieser alten Bewährungshelfer-Riege habe ich sehr viel gelernt. Unter anderem: Wie entwickele ich eine Bewährungshelfer-Persönlichkeit? Das entsteht ja nicht von heute auf morgen! Oder wie trete ich bei Gericht auf? Wie führe ich mein eigenes Referat? Ich arbeite hier sehr selbständig und autonom. In dieser Hinsicht schaute ich mir viel von den alten Figuren ab. Sie begeisterten und faszinierten mich stark.

Nach meinem Studium gab es allerdings bei der Bewährungshilfe keine freie Stelle. Ich fing erstmal in Stadelheim in der Untersuchungshaft für Jugendliche an. Eine sehr wertvolle Erfahrung! In diesem spezifischen, geschlossenen, hierarchischen und durch Männer dominierten System durfte ich mich damit auseinandersetzen, wie ich als Person, als Frau hier hineinpassen kann und will. Auch dort spielten Vorbilder für mich eine Rolle. In diesem Fall waren es Sozialarbeiterinnen mit 20-30 Jahren Erfahrung in der Vollzugsanstalt. Es waren ziemlich abgebrühte, männlich dominante Frauen. Ich wollte aber nicht so werden. Daher, als nach 4 Jahren eine Bewährungshelferstelle bei Landgericht frei wurde, habe ich mich sofort beworben. Seitdem bin ich hier.

Einpendeln zwischen zwei Polen

AP: Kindergarten und Gefängnis – das waren zwei entgegengesetzte Pole, zwischen denen Du Dich einpendeln durftest. Glaubst Du, wenn Du am Anfang Deiner beruflichen Karriere nicht im Kindergarten gearbeitet hättest, hättest Du trotzdem den Weg eingenommen, den Du schließlich gegangen bist?

AB: Nein, ganz bestimmt nicht. Das war schon gut, dass ich dieses Sprungbrett hatte. Aber auch die Jahre im Vollzug waren wichtig für meinen weiteren Weg und meine späteren Entscheidungen. Ob mir ein Job liegt oder nicht, kann ich nur herausfinden, wenn ich ihn – zumindest kurz – gemacht habe. Erfahrungen helfen uns, Dinge einzugrenzen und für sich das Richtige für den jeweiligen Zeitpunkt zu finden. Das kann man nicht machen, in dem sich Tätigkeiten und Situationen nur vorstellt.

AP: Wie viele Probanden betreust Du parallel?

AB: Ca. 64 Personen. Meine Kollegen haben in der Regel so um die 90. Ich habe ca. 25% weniger, da ich das Thema Ehrenamt innehabe. Ich betreue seit vielen Jahren mit einer Kollegin die Gruppen für ehrenamtliche Mitarbeiter bei uns an der Dienstelle. Außerdem bin ich noch Koordinatorin für das Ehrenamt an Dienststellen des Oberlandesgerichts München. Jede Dienststelle hat lokale Ehrenamtlichen-Betreuer. Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass das Thema Ehrenamt am OLG München gesamt gut läuft. Ich organisiere Fortbildungen für die Bewährungshelfer aus dem ganzen OLG, besuche die einzelnen Dienststellen, um zu schauen, wie läuft es dort, was brauchen sie, bereite Ehrenamtswochenenden, vernetze mich mit zwei anderen Koordinatorinnen aus Bamberg und Nürnberg, um Erfahrungen und Tipps auszutauschen. Wir haben eine sehr konstante Gruppe von Ehrenamtlichen, die sich im Tandem mit einem Hauptamtlichen um die Probanden kümmern. 

AP: Heißt Tandem, dass man die Probanden dann immer zu zweit trifft?

AB: Nein, das muss nicht zwingend sein. Aber uns ist wichtig, dass die Hauptamtlichen immer im Bilde sind, wie es um die Probanden steht. Das hat auch viel mit Thema Sicherheit zu tun. Ich und meine Kollegin sind diejenigen, die schauen, dass die Ehrenamtlichen gut geschult werden, engmaschig an uns angebunden sind. Nicht zuletzt, damit wir unsere Ehrenamtlichen gut kennen und auf dieser Basis zuverlässig entscheiden können, welcher Ehrenamtliche könnte zu welchem Probanden passen. Das ist wichtig für eine nachhaltig funktionierende Betreuung.

AP: Werden am Landgericht aktuell Bewährungshelfer gesucht?

AB: Ja, tatsächlich, wir suchen aktuell ehrenamtliche Bewährungshelfer mit dem Schwerpunkt Schuldnerberatung. Fast alle unsere Probanden sind verschuldet. Das Thema Geld ist ein ganz zentraler Bereich, wo es auch ganz viel Unterstützung braucht: Vorbereitung für die Schuldner Beratung, Unterlagen sortieren, Erwägungen der Privatinsolvenz oder generell Umgang mit Geld…

AP: Wo kann sich ein Mensch melden, der sich als Bewährungshelfer bewerben möchte?

AB: Gerne direkt an mich per E-Mail an annett.babel@lg-m1.bayern.de oder telefonisch unter 089/5597-1262.

Sie Interessieren Sich für ehrenamtliche Arbeit in Bewährungshilfe?

Hier finden sie weitere Informationen und kontaktdaten: Bewährungshilfe – Bayern

AP: Dein Aufgabenbereich ist sehr vielfältig. Wie kann man sich Deinen Arbeitstag oder Deine Arbeitswoche vorstellen? Hast Du jeden Tag ein Treffen mit einem Probanden? Wie läuft das?

AB: Ich weiß in der Früh nie, was mich am Tag erwartet. Zum Beispiel am letzten Montag. Morgens war eine Besprechung geplant. Montagmorgen ist eigentlich eher eine Zeit, um sich für die Woche warm zu laufen. Noch bevor ich zuhause aufgebrochen bin, bekomme ich einen Anruf von der Polizei, dass ein Proband von mir abgängig ist. Ich denke, oh ne, es ist gerade mal 9:00 Uhr und gleich so etwas. Aber dann laufe ich natürlich gleich auf Hochtouren. Ein Sexualstraftäter nach einer sehr langen Haft, mit umfangreichen Auflagen und Weisungen, Mitte 70 – die Ehefrau hat ihn als vermisst gemeldet. Sofort mache ich mir Gedanken: Was war im letzten Gespräch? Habe ich irgendeine Idee, wo er sein könnte? Gibt es da womöglich eine Beziehung außerhalb der Ehe, die ich nicht mitgekriegt habe? Besteht die Gefahr von neuen Straftaten? Muss man irgendwie irgendetwas einleiten? So ein Vorfall stellt natürlich alles auf dem Kopf und priorisiert den Tagesablauf um. So etwas passiert Gott sei Dank nicht jeden Tag. Und in diesem Fall ist es auch gut ausgegangen – er kam eine Stunde später nach Hause. Es könnte sein, dass da eher eine Demenz in Anflug ist – ich habe mit ihm telefoniert und er war etwas wirr im Kopf, da weiß ich noch nicht, was sich da gesundheitlich weiter entwickelt. Grundsätzlich habe ich feste Zeiten für Gremienarbeit, Besprechungen, Intervisionsgruppen, Ehrenamtlichen-Termine, Termine mit den Probanden. Auch für unsere Probanden sind feste Zeiten wichtig. Sie werden dahin erzogen, ihre Termine einzuhalten, weil auch im Jobcenter, beim Wohnungsamt, Gesundheitsamt, beim Arzt etc. mit Terminen gearbeitet wird.

Manchmal besuche ich rückfällige oder erneut verurteilte Probanden auch im Gefängnis.

„Ich habe ein Herz für Menschen am Rande der Gesellschaft

AP: Als ich Dich erstes Mal gesehen habe, sah ich vor mir eine Frau, die eindeutig ihren Job liebt! Was magst Du besonders an Deiner Arbeit?

AB: Ich habe ein Herz für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Das klingt ja schon fast etwas philosophisch… Aber der Job geht ja nur mit einer gewissen Liebe zu diesem Klientel. Es ist im Alltag nicht immer schön. Manche Menschen, deren ich begegne, sind psychisch krank, manche sind richtig ungepflegt, stinkend, ungewaschen. Aber ich habe ein Herz für sie. Abgesehen davon es ist ein Geschenk, in das Leben anderer Menschen hineinschauen zu dürfen.

Ich liebe auch meine Autonomie. Ich kann hier sehr selbständig arbeiten. Ich führe mein Referat selber, ich mache meine Termine selber, wenn ich sage, heute um 16:00 Uhr machen wir ein Interview, dann machen wir das. Natürlich habe ich auch viel Verantwortung.

Und ich mag diese unglaublich bunte Vielfalt, die dieser Beruf mit sich bringt. Unter meinen Probanden ist kein Mensch gleich, auch bei einer ähnlichen Geschichte kommen neue Varianten rein, es ist sehr abwechslungsreich. Ich kann mal den Schwerpunkt auf Jugendliche setzen, mal auf Frauen, ich kann den Schwerpunkt auf Sucht oder psychisch Kranke setzen… Vor ein paar Jahren habe ich eine Supervisionsausbildung gemacht und bin seitdem externe Supervisorin. Weiter habe ich eine nebenamtliche Lehrtätigkeit zum Thema Schlüssel-Kompetenzen an der Fachhochschule für die Rechtspfleger in Starnberg.

Das Thema Weiterentwicklung ist für mich persönlich sehr wichtig. Ich brauche immer wieder etwas Neues, eine Abwechslung. Bisher habe ich hier immer die Möglichkeiten gefunden, mich weiter zu entwickeln. Der nächste Bereich, den ich im Visier habe, ist z.B. Öffentlichkeit- und Pressearbeit für den Bereich Ehrenamtliche Bewährungshelfer.

AP: Wenn Du einen Probanden zum Gespräch hast, lässt Du auch mal Deine Tür offen, zur Sicherheit?

AB: Ganz ganz selten. Es kommt schon vor, dass jemand hier laut wird. Wenn ich weiß, ich habe ein schwieriges Gespräch vor mir, habe ich verschiedene Möglichkeiten. Variante eins: Ich spreche mit ihm im Foyer draußen. Variante zwei: Ich informiere meine Kollegen im Vorfeld und ich lasse die Tür offen. Wobei ich das nicht gerne tue – wir haben schließlich eine Schweigepflicht und draußen laufen immer wieder Menschen vorbei. Dritte Variante: Wenn ich durch den Flur laufe und mitkriege, dass jemand im Zimmer meiner Kollegin sehr laut ist, dann gehe ich natürlich hin. Es gab schon mal eine Situation, wo ich bei meiner Kollegin klopfte und sagte: „Du, ich habe da ein Fax für Dich“. Oder ich kann anrufen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Also da schauen wir schon untereinander und geben aufeinander Acht.

AP: Seit wann bist Du Mentorin bei MOVE!?

AB: Ich denke seit 2012. Damals hieß es noch Zack.

AP: Was war für Dich die Motivation Mentorin zu werden?

AB: Mich bei MOVE! als Mentorin zu engagieren ist ein toller Kontrast zu meiner Arbeit. Hier arbeite ich hauptsächlich mit Männern. Bei MOVE! darf ich mit Frauen arbeiten. Hier habe ich immer Zwangskontext. Bei MOVE! habe ich mit Menschen zu tun, die motiviert sind, ihre Lage zu verändern. Auch dass ich als Mentorin mit solchen Themen wie Beruf, Berufung zu tun habe, ist eine schöne Abwechslung. Dann gibt es noch einen Punkt: im Arbeitsalltag koordiniere ich die ehrenamtlichen Bewährungshelfer. Bei MOVE! hatte ich die Chance bekommen, selbst die Position einer ehrenamtlichen Person kennenzulernen. Also quasi mich auf die andere Seite zu begeben und zu schauen, wie gehen die anderen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern um. Ich konnte für meine Arbeit viel übernehmen.

Andersrum kann ich aber auch eine Fähigkeit nutzen, die ich mir in meinem Beruf erarbeitet habe: Erfahrung im Umgang mit schwierigen Fällen. Daher habe ich mich entschlossen, auch als Mentorin die ganz schwierigen Fälle zu übernehmen. Also Fälle, wo die Situation so kompliziert ist, dass nichts mehr geht.

AP: Was verstehst Du unter ganz schwierigen  Fällen?  Kannst Du mal ein Bespiel nennen?

AB: Klassisches Beispiel: eine Frau um die 50, unglücklich in ihrem Job und will ihr Hobby zum Beruf machen. Ihr Hobby ist Bücher lesen und draußen in der Natur sein. Die Mentee zeigt keine Bereitschaft, beispielsweise eine Zusatzqualifikation zu machen, ist jeglichen Vorschlägen gegenüber negativ eingestellt: Literatur und Wandern – nein, sie mag nicht mit anderen Menschen; Eine Zusatzausbildung zur Naturberaterin – eine weitere Ausbildung kommt nicht in Frage. Außerdem sind bei meinen Mentees häufig solche Themen wie Depression, Dauerkrankheit, unklare finanzielle Situationen im Spiel. In der Regel handelt es sich um eine Multiproblem-Lage.

AP: Kann man da überhaupt etwas bewegen?

AB: Na ja, nur wenn die Person selbst es will und mitarbeitet. Ich denke, in dem Moment, wo sie nach Hilfe über MOVE! suchen, wollen sie wirklich etwas verändern. Aber es ist ihnen vielleicht nicht so klar, dass es mit so viel Arbeit, Mühe und vielleicht mit Veränderung von sich selbst verbunden ist.

AP: Gibt es etwas, was Du Frauen auf Jobsuche oder in der Umorientierungsphase gerne sagen würdest

AB: Nie die Hoffnung aufgeben, es gibt immer einen Weg!

AP: Und wenn die Frau für die schwierigen Fälle das sagt, dann ist es so! Welchen ersten Schritt würdest Du Ihnen in diesem Zusammenhang empfehlen?

AB: Folge Deinem Herzen! Die Lösung ist schon Dir.  Schaue Dich um, was Dir das Leben bietet, welche Menschen in Dein Leben kommen, welche Gelegenheiten sich auftun und greife nach denen! Sehen, was um Dich herum passiert.

AP: Vielen Dank für diesen spannenden und bereichernden Einblick in Deinen aufregenden Job!


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Interview-Reihe 12 Monate – 12 Mentorinnen.

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Mit Isabell Westerschulte über Zugfahrten, Mentoring und Eigenlob.

Bahn am Gleis wagon rot

Auf Frau Westerschulte warte ich in der Lobby des Hotels H’Otello im Münchner Zentrum. Ich bin viel zu früh da. Ich hatte vorher das erste Treffen mit einer neuen Mentee und will mir im Nachgang noch ein paar Notizen machen. Die Lobby mit ihren bequemen Sitzecken ist ruhig um diese Uhrzeit und damit perfekt für konzentriertes Arbeiten. Aber auch für vertrauliche Gespräche. Als ich mit meinen Notizen fertig bin und überlege, wie ich die übrig gebliebene Wartezeit nutzen kann, kommt Isabell Westerschulte herein – ebenfalls, wie ich, viel zu früh. Das ist doch perfekt!

Isabell Westerschulte kam zur Deutschen Bahn, weil sie mit einem Freund zum Auswahlverfahren nach Karlsruhe fahren wollte. Er bewarbt sich damals bei der DB und sagte: „Bewirb Dich doch auch, dann fahren wir zusammen“. Das machte sie. Das Auswahlverfahren war hart und erschöpfend. Ein entspanntes Schlendern durch die Karlsruher Altstadt nach dem AC konnten die beiden vergessen. Aber sie bekam die Stelle und fing ein duales Studium bei der Deutschen Bahn (Beamtenlaufbahn bei der Deutschen Bundesbahn) an, nach dessen Abschluss sie In der Kundenbetreuung in Stuttgart startete. In den 26 Jahren nach dem Studium bekleidete sie bei der DB verschiedene Positionen: über die Leitung der Kundenbetreuung in München, die Begleitung der Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen über den bahninternen Bildungsträger, die Leitung der Geschäftsstelle der DB-eigenen Zeitarbeitsfirma bis hin zur Personalreferentin bei DB Fernverkehr. Heute arbeitet sie im Personalbereich der DB Cargo AG als Expertin Mitarbeiter- und Führungskräfteentwicklung.

Arleta Perchthaler: Frau Westerschulte, was genau machen Sie beruflich?

Isabell Westerschulte: Ich bin Expertin für Personalentwicklung bei der DB Cargo AG – dem Güterverkehr der Deutschen Bahn. Offiziell haben wir ein sogenanntes One-HR. Das heißt, die ganzen Personalaufgaben, wie Verwaltung, Beratung, Controlling etc. sind in unterschiedlichen Positionen gebündelt. In dieser Gesamtorganisation gibt es auch Experten-Funktionen für verschiedene Gebiete. Ich bin so eine Expertin und zwar für die Personalentwicklung. Allerdings nicht die Entwicklung der Einzelpersonen – dafür sind die Führungskräfte die ersten Ansprechpartner – sondern für Beratung und Entwicklung von Führungskräften und Personalern in Bezug auf die Personalentwicklung. Dazu kommen dann noch bereichsübergreifenden Themen wie zum Beispiel eine Rahmenvereinbarung für Sprachqualifizierung für DB Cargo, die deutschen Töchter und für die ausländischen Gesellschaften, die ich letztes Jahr mit ausgehandelt habe – eine an sich sehr trockene Geschichte. Ich erwähne das, weil die Personalentwicklung in vielen Köpfen einen etwas romantischen Touch hat. Da träumen die Leute, wie sie tolle Menschen in noch tollere Menschen verwandeln. Aber an der Personalentwicklung hängen noch ganz andere Sachen. Wir haben Themen, wie Know-How-Transfer, Umgang mit Schwachleistern (das heißt, wie wollen wir sie motivieren und zum Vorteil aller Beteiligten einsetzen), Onboarding, Auswahlverfahren, Kompetenzprofile, etc.

Meine aktuelle Position ist meine siebte Station bei der Deutschen Bahn. Bei der Frauenakademie lachte irgendwann mal jemand: „Ich weiß nicht, der wievielte Job das ist, aber Ihnen gefällt Ihre Arbeit immer!“ Ja! Es ist so. Es macht mir sehr viel Spaß!

Ausflug nach Karlsruhe

AP: Wussten Sie schon immer, dass Sie in Richtung HR wollen?

IW: Jein. Also ich bin bei der Bahn gelandet, weil ich mit dem Kumpel nach Karlsruhe fahren wollte und der Vater eines Klassenkameraden schon seit 32 Jahren dabei war, so dass ich dachte, dass das nicht die schlechtes Wahl des Arbeitgebers wäre, aber sie hat sich eher zufällig ergeben. Ich war am Anfang in der Kundenbetreuung, danach im Produktmanagement im Nahverkehr. Dort habe ich mein Interesse an HR entdeckt. Ich war damals nicht voll ausgelastet und da das nichts für mich ist, suchte ich mir zusätzliche Aufgaben, idealerweise welche, die Spaß machen. Ich betreute beispielsweise die Azubis und konzipierte und führte Seminare für operative Führungskräfte durch. Nebenbei machte ich ein Bewerbungstraining beim deutschen Erwachsenenbildungswerk, für Kontingentflüchtlinge aus Russland. Einfach, weil ich Lust darauf hatte. Als ich aber in den HR-Bereich wollte, hieß es: „Nee, Sie haben keine Erfahrung!“ Ich dachte: „Ja super, und wie soll ich dann Erfahrung sammeln, wenn ich da nie reinkomme?“ 2004/05 machte ich den MBA General Management und  wählte für mich den Schwerpunkt Personal. Dann kam ich in die Förderung beruflicher Bildung und knüpfte die ersten Kontakte zur damaligen Leiterin der DB Zeitarbeit für Süddeutschland. So ergab sich die Chance, die Geschäftsstellenleitung in München zu übernehmen. Als später die Personalerstelle beim Fernverkehr frei wurde, war meine HR-Erfahrung eine bewiesene Sache.

AP: Ganz offensichtlich macht Ihnen Ihr Job viel Spaß. Was ist so das Schöne an Ihrem Beruf?

IW: Ich mag Menschen. Ich bin auch eine ziemlich neidlose Person. Während viele andere sagen: „Mist, was der alles erreicht hat!“, sage ich „Toll, was der alles erreicht hat!“ Ich freue mich, wenn Menschen ihr Potential ausschöpfen. Wenn jemand möchte und bereit ist, was dafür zu tun, dann macht es mir wahnsinnig Spaß, dabei zu helfen. Und ehrlich gesagt macht es mir auch Spaß, jemandem, der so gar nichts tun will, zu sagen: „Mein Freund, wenn Du was werden willst, muss Du Dich wenigstens ein bisschen bewegen.“ Ich bin ein sehr ehrlicher Mensch. Im Mentoring sage ich manchmal: „Kommen Sie damit zurecht? Denn ich werde Ihnen keine Schlösser in Spanien aufbauen, nur weil sie es gerne hören wollen. Ich werde nie was sagen, um etwas kaputt zu machen oder jemanden zu verletzen – das ist ganz klar. Aber ich werde auf alle Fälle ehrlich sein.“

AP: Seit wann sind sie Mentorin bei MOVE!

IW: Seit 2008. 2002 erzählte eine Bekannte, sie sei bei der Frauenakademie als Mentee. Ich fand das spannend und dachte, das könnte mir vielleicht auch helfen. Ich habe mir zwar die Unterlagen geholt, bin aber nicht hingegangen. Später hat mich ein Bekannter dazu inspiriert, meinen MBA zu machen. Ich lerne total gerne. Und dass ich über die Uni Augsburg im Rahmen des Studiums für zwei Monate nach Pittsburgh, Pennsylvania, durfte, fand ich besonders cool. Als ich irgendwann schon als Geschäftsstellenleiterin bei der DB Zeitarbeit meine Unterlagen aufräumte, stolperte ich über den Flyer der Frauenakademie. Ich dachte: „Ganz ehrlich, jetzt brauchst du kein Mentoring mehr, aber eigentlich könntest Du dich fast als Mentorin melden“. Ich setzte mich mit der Frauenakademie in Verbindung und seitdem bin ich dabei.

Mentoring ist wie ein spannendes Buch lesen

AP: Was gefällt Ihnen an der Rolle der Mentorin?

IW: Mentoring befriedigt mein inneres Bedürfnis, nach Lösungen zu suchen. Es ist so: Jemand erzählt mir etwas und bei mir läuft gleich das Programm: „Ah, was könnten wir daraus machen?“ Ich kann gar nicht anders. Und manchmal schaffe ich es, den Mund zu halten und manchmal mische ich mich ein. Beim Mentoring läuft es genauso, nur hier darf ich das, hier ist das mein Job. Das Schöne am Mentoring ist, man steigt in die Geschichte von jemand anderem ein – meistens in einer herausfordernden Situation – ,arbeitet mit der Person an dieser Situation, überlegt auch selbst: “Was würde ich machen?“, schöpft aus dem eigenen Erfahrungsschatz und teilt das dann. Und danach kann ich wieder raus. Es ist wie ein Buch zu lesen, nur interaktiver. Und das finde ich spannend am Mentoring.

Unabhängig von der Situation, die ich heraufordernd finde und in der ich hoffe, dass wir zusammen eine für die Person zufriedenstellende Lösung finden, ist es toll, was für interessante Leute man trifft. Menschen, mit denen man sonst gar nicht in Kontakt gekommen wäre. Manchmal habe ich Mentees, bei denen ich mir denke, die hat so einen Hammer-Lebenslauf, von der könnte ich wahrscheinlich mehr lernen, als sie von mir. Aber offensichtlich hat sie das Anliegen, irgendwie begleitet zu werden. Also wunderbar.

AP: Was sind die Schwerpunkte in Ihren Mentorings?

IW: Wir arbeiten ganz viel mit dem Werdegang der Mentees. Eine Sache, die ich zum Beispiel sehr gerne mache – gerade wenn jemand nicht so festgelegt ist, in die eine oder andere Richtung zu gehen, und der Lebenslauf das auch hergibt – ist das Erstellen von zwei alternativen Lebensläufen. Ich hatte mal eine Mentee, die hatte Arzthelferin gelernt. Ihr Mann war Ingenieur und dann hat sie eigentlich immer nur in seiner Firma gearbeitet. Nebenher hatte sie noch ein, zwei andere Sachen und war in der Gemeinde sehr aktiv. Jetzt stand die Scheidung und die Trennung vom bisherigen Job an. Die Frage war: Nutzt sie eher ihren sozialen oder ihren kaufmännischen Bereich? Wir listeten die Stationen ihres Lebenslaufes auf und schauten, was davon für den kaufmännischen Lebenslauf passen würde und wie wir den Lebenslauf für Soziales aufbereiten könnten. Am Ende hatte sie zwei fertige Lebensläufe. Durch die intensive Beschäftigung damit konnte sie die Kommunikation entsprechend anpassen, so dass sie sich in beide Richtungen bewerben konnte – letztendlich hat sie sich für die soziale Richtung entschieden. So was Ähnliches machte ich auch neulich mit einer Dame und während wir arbeiteten, sagte sie: „Nee, in reine Zahlen möchte ich nicht wieder, ich möchte mehr mit Menschen arbeiten.“ Also alleine dadurch, dass sie sich die Stationen anschaute und reflektierte, was ihr in dem einen oder in dem anderen Bereich wichtiger ist, hat sie sich die Karten gelegt. Das war keine Coaching Technik, eigentlich haben wir nur den Lebenslauf ordentlich gemacht.

Manchmal lasse ich meine Mentees auch eine SWAT Analyse für sich machen. Das heißt Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken Analyse ausgehend von ihrem Ziel.

AP: Was ist die größte Herausforderung in Ihrer Rolle als Mentorin?

IW: Zeit zu finden. Sowohl die Mentees wie auch ich sind meistens beruflich sehr eingespannt. Ich habe mit manchen Damen zwischen 21:00 und 22:30 Uhr telefoniert, weil wir sonst kein für uns beide passendes Zeitfenster gefunden haben.

Ich passe nicht 100% auf die ausgeschriebene Stelle

Ansonsten ist die größte Herausforderung, wenn man sich fragt: wo hängt es? Wenn der Lebenslauf nicht so gut ist, dann weiß ich, es könnte am Lebenslauf liegen. Aber wenn er picobello ist, und eine Person vor einem sitzt, die sich gut ausdrücken kann, ein gutes Auftreten hat, dann fragt man sich, wo ist der Hund begraben? Sehr häufig kommt dann heraus, dass diese Frauen ihr eigenes Licht unter den Scheffel stellen und sich selbst im Weg stehen.  Da gilt es dann zu motivieren, es einfach durchzuziehen. Dazu stehen! Im Zweifelsfall einfach mal etwas dicker auftragen, eine Show machen. Daheim üben! Durch das „Spielen“ mit den Möglichkeiten, sehen sie, wie weit sie gehen können und trauen sich auch im echten Vorstellungsgespräch mehr zu sich zu stehen.

Manchmal höre ich auch: „Ich passe nicht 100 % auf die Stelle“ Ich sage: Sie passen nie 100% drauf! Niemand passt 100 %. Sie müssen den Leuten nur klar machen, dass Sie verdammt nah dran sind. Und dann kann der Rest kommen.

AP: Stellen auch Männer ihr Licht unter den Scheffel?

IW: Ja. Aber Männer sind anders. Ich habe dazu meine private These. Wenn sich ein Mann über seinen Chef ärgert, zum Beispiel weil er bei einer Beförderung übergangen oder nicht gelobt wurde und er beklagt sich bei seinem Kumpel, sagt der andere: „So ein Mistkerl! Dem zeigen wir es! Und wenn nichts geht, dann suchst Du Dir was Anderes, Du hast es drauf!“ Wenn sich eine Frau über eine ähnliche Situation bei ihrer Freundin beschwert, sagt die Freundin: „Oh Du Arme! Ja, das kenne ich. Das ist voll schlimm!“

AP: Also bei Frauen bleibt es dann beim Jammern und die Männer gehen in Aktion?

IW: Eher ja. Jammern und kurz daneben sitzen ist auch völlig in Ordnung! Aber irgendwann muss Schluss sein und ich muss etwas verändern. Und abgesehen davon, wenn ich in einer Welt, in der Männer herumlaufen, erfolgreich sein will, dann muss ich dem Umstand, dass es sie gibt, einfach Rechnung tragen. Ich muss nicht wie ein Kerl werden. Ich kann meine weibliche Seite sehr wohl leben! Ich sage sogar oft mit Augenzwinkern: Wir Frauen haben einen großen Vorteil: Wenn sich Frauen wie Männer aufführen, dann sagt man, die hat Haare auf den Zähnen, die hat es drauf. Und wenn sich eine Frau wie ein Mädchen verhält, dann sagen die Anderen, der helfen wir, der Kleinen. Aber wenn ein Mann sagt: „Ah, ich weiß nicht wie das geht!“ dann sagen viele: „Was ist das für einer?“ Also der Mann ist eigentlich echt arm dran.

Sag der Welt, wie gut Du bist!

Was ich aber geschlechterübergreifend sehe, gerade in meiner Generation, ist ja so dieses Thema „Eigenlob stinkt“. Da sage ich, Ihr müsst Eure Stärken erkennen und Ihr müsst sie auch zeigen, sie nach außen lassen! Wie soll die Welt sonst wissen, wie gut Ihr seid?

„Stärken erkennen und ausbauen“ ist meine Devise. Stärken stärken, Schwächen schwächen. Wenn ihr etwas gut könnt und Spaß daran habt, dann schaut, dass ihr einen Job genau in diesem Bereich macht. Der Spaß motiviert einen dazu, besser zu werden.

AP: Wenn Sie den Frauen in Veränderungssituationen nur einen einzigen hilfreichen Satz geben könnten, welcher wäre das?

IW: Du kannst das, mache es einfach!

Ich habe heute gerade einen sehr schönen Satz im Internet gefunden: „Wenn Du mal wieder das Gefühl hast, es geht nicht vorwärts, dann schaue doch mal zurück, was Du schon geschafft hast.“ Eine Frau mit Mitte 30 hat schon genug erreicht, auf das sie zurückschauen kann und was ihren Glauben an sich selbst stärken kann. Da ist es egal, ob man einen Job hatte, der furchtbar war, oder mobbende Kollegen, eine Führungskraft, die einen ausbeutete, oder man eine Scheidung oder Krankheit oder sonst was hinter sich bringen musste. Alleine der Umstand, dass wir heute hier zusammensitzen, und allein der Umstand, dass diese Frau schlau genug war, zu sagen, ich möchte ein Mentoring, ich suche mir Hilfe – das macht schon einen großen Unterschied. Das sage ich ihnen oft: „Sie haben doch schon mehr getan als viele andere Frauen, weil Sie gesagt haben, okay, ich suche mir Hilfe.“

AP: Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?

IW: Zufriedenheit. Ich meine Zufriedenheit im Sinne von „ich gebe mich mit etwas zufrieden“. Und wenn ich mich nicht zufriedengeben kann, dann muss ich etwas ändern. Love it, change it or leave it.

AP: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

IW: Es gibt bezüglich der Lebenseinstellung nur zwei Möglichkeiten. Und die Alternative ist einfach nicht schön.

AP: Waren Sie schon immer so drauf?

IW: ich glaube schon. Als ich 16 Jahre alt war, beschloss ich für mich, nur noch Sachen zu machen, die ich will. Da sind natürlich auch Sachen dabei, die mir keinen Spaß machen, aber die mache ich, weil ich etwas, was daraus resultiert, will. Also werde ich bewusst die Entscheidung treffen, ich will jetzt Abitur machen, denn mit Abitur kann ich etwas lernen, mit dem ich nachher gut Geld verdiene, oder was auch immer. Diese Einstellung hat den entscheidenden Vorteil, dass man erstens viel motivierter ist und man zweitens, wenn etwas schiefläuft, niemand anderem die Schuld geben kann.

Ich habe Verantwortung für mein Tun und meine Stimmung

Aus dieser Grundhaltung heraus kann ich, wenn ich für mich selbst Verantwortung übernehme, auch für meine Laune Verantwortung übernehmen. Ich kann nicht erwarten, dass mich jemand anders glücklich oder zufrieden macht.

AP: Welche Eigenschaften zeichnen Ihrer Meinung nach tolle Frauen aus?

IW: Der Glaube an sich selbst. Und ich denke, man kann kein toller Mensch sein, wenn man mit sich selbst unzufrieden ist. Man hat sicherlich mal bessere und mal schlechtere Tage. Ich denke sogar, dass es wichtig ist, dass man ab und zu auch an sich zweifelt. Um sich zu justieren. Denn wenn man zu begeistert von sich selbst ist, verliert man irgendwann die Bodenhaftung.

Tolle Frauen sind auch bereit, bedingungslos zu geben. Und damit meine ich nicht, sich aufzugeben, sondern nicht für alles, was sie geben, irgendetwas zu erwarten. Die richtig tolle Frau hat es nicht nötig, irgendetwas zu machen, damit andere sie mögen. Weil sie selbst an sich glaubt. Sie kann auch ein Kompliment annehmen.

AP: Ist es nicht so, dass erst, wenn man an sich glaubt, man fähig ist, bedingungslos zu geben?

IW: Wahrscheinlich. Irgendwann hörte ich den Gedankten, dass man meistens Geschenke an andere für sich selbst macht. Oft ist man dann enttäuscht, wenn sich der Beschenkte nicht total begeistert bedankt. Das habe ich für mich aufgenommen und beschenke manchmal Menschen, weil es mir danach ist, ein Geschenk zu machen. Das hat dann auch was mit „Random acts of kindness“ zu tun.

AP: Gibt es noch etwa, was sie den Lesern gern sagen möchten?

IW: Trauen Sie sich, Mentorin zu werden! Ich als Mentorin nehme sehr viel aus meiner Mentorenschaft mit. Die Führungskräfte in meinem Bereich musste ich am Anfang fragen: „Können Sie nicht mal Mentoring übernehmen?“ Jetzt ist es so, dass ich von den Mentoren gefragt werde, ob ich mal wieder einen Mentee für sie habe. Weil sie sich so dran freuen und sagen, sie ziehen aus dem Tandem so viel für sich heraus. Mentoring ist etwas, von dem beide Seiten profitieren.

AP: Vielen Dank für dieses spannende und inspirierende Gespräch!


Dieser Artikel entstand im Rahmen der Interview-Reihe 12 Monate – 12 Mentorinnen.

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